Neue Chancen für den Rücken: Experten informieren im Gesundheitsforum Bergstraße
Aktuelles und Pressemitteilungen | 14.10.2026
Den Auftakt machte Professor Sandro Krieg mit einem Blick auf die moderne Wirbelsäulenchirurgie. Er zeigte, wie muskelschonende Operationstechniken, moderne Narkose- und Behandlungskonzepte sowie eine frühe Mobilisierung die Erholung nach einem Eingriff heute unterstützen.
In diesem Zusammenhang stellte der Ärztliche Direktor der Neurochirurgischen Klinik am Universitätsklinikum Heidelberg das Behandlungskonzept „Enhanced Recovery After Surgery“ (kurz: ERAS) vor. Dieses beschreibt eine strukturierte Vorgehensweise vor, während und nach einer Operation, die auf eine möglichst schnelle Erholung und die Reduktion von Komplikationen abzielt.
Im Mittelpunkt stehen dabei die Aufklärung der Patientinnen und Patienten, die Überprüfung von Medikamenten und Risikofaktoren sowie eine möglichst schonende Durchführung des Eingriffs. Dazu gehören unter anderem minimalinvasive Verfahren und eine gezielte Steuerung von Narkose und Flüssigkeitsversorgung. Nach der Operation seien eine wirksame Schmerztherapie, eine frühe Mobilisierung und die möglichst frühzeitige Entfernung von Kathetern vorgesehen. Wenn es der medizinische Zustand erlaubt, kann auch eine frühzeitige Entlassung erfolgen.
„Je kürzer der stationäre Aufenthalt, desto geringer ist der Muskelverlust. Eine frühe Mobilisierung und die Rückkehr in die vertraute Umgebung unterstützen die Erholung“, so Krieg.
Anschließend ging Krieg auf die technischen Entwicklungen in der Wirbelsäulenchirurgie ein. Moderne Navigationsverfahren ermöglichen eine präzise Planung und Führung der Instrumente während der Operation. Intraoperative Bildgebung ermöglicht dabei direkt während des Eingriffs aktuelle Aufnahmen der Wirbelsäule. Robotische Unterstützung kann die zuvor geplanten Operationsschritte zusätzlich präzise umsetzen.
Krieg ging insbesondere auf die Besonderheiten von Wirbelsäulenoperationen bei älteren Patientinnen und Patienten ein.
„Entscheidend ist das Verhältnis zwischen dem Umfang des Eingriffs und dem zu erwartenden Behandlungseffekt“, erläuterte Krieg.
„Bei älteren Patientinnen und Patienten müssen unter anderem eine Osteoporose und das Risiko eines Delirs berücksichtigt werden“, so der Experte.
Im Anschluss widmete sich Professor Rezvan Ahmadi, Sektionsleiterin der Wirbelsäulenchirurgie am Kreiskrankenhaus Bergstraße, der Prävention und Nachsorge von Rückenschmerzen.
Dabei stellte sie zunächst heraus, dass Rückenschmerzen sehr häufig sind und viele Menschen mindestens von Rückenschmerzen betroffen sind.
Rückenschmerzen müssen nicht durch Veränderungen an der Wirbelsäule verursacht werden, die auf einem MRT-Bild sichtbar sind.
"Für die Beurteilung betrachten wir die Beschwerden, die körperliche Untersuchung und die Bildgebung gleichermaßen" sagt Ahmadi.
„Regelmäßige Bewegung ist der wichtigste Schutz vor Rückenschmerzen. Dazu gehört zum Beispiel auch das Spazierengehen, Radfahren oder Schwimmen. Auch gezieltes Krafttraining für Rumpf, Rücken, Gesäß und Beine kann die körperliche Belastbarkeit verbessern“, sagte Prof. Ahmadi.
Weitere Einflussfaktoren seien unter anderem das Körpergewicht, Nikotinkonsum, ausreichender Schlaf, Stress oder auch die Belastung am Arbeitsplatz.
Bei akuten Rückenschmerzen sei Schonung oder gar längere Bettruhe in der Regel nicht ratsam. Ahmadi empfiehlt nach Möglichkeit aktiv und in Bewegung zu bleiben. Die Belastung sollte dabei schrittweise wieder gesteigert werden. Nach ärztlicher Rücksprache könnten unterstützend Wärme und Medikamente eingesetzt werden.
Eine unverzügliche ärztliche Abklärung sei bei neu aufgetretenen Lähmungen, Störungen von Blase oder Darm und Taubheitsgefühlen im Genital- oder Reithosenbereich dringend notwendig. Auch Fieber, ein starkes Krankheitsgefühl, starke nächtliche Schmerzen, Beschwerden nach einem Unfall oder eine rasche Verschlechterung können Warnzeichen sein, die zwingend umgehend abgeklärt werden müssen.
Anschließend erläuterte Dr. M. Mehdi Hajiabadi die moderne Diagnostik und Behandlung von Rückenschmerzen.
"Die Ursachen können sehr unterschiedlich sein" sagt der Arzt. "Schmerzen können von der Muskulatur ausgehen, aber auch von den kleinen Wirbelgelenken, dem Iliosakralgelenk, den Bandscheiben, einer Verengung des Wirbelkanals oder gereizten Nerven.“
Seltener seien osteoporotische Wirbelkörperfrakturen, Entzündungen oder Tumorerkrankungen die Ursache.
"Für die Diagnose sind zunächst das Gespräch und die körperliche Untersuchung entscheidend" sagt der Oberarzt der Wirbelsäulenchirurgie am Kreiskrankenhaus Bergstraße.
Eine Bildgebung könne insbesondere bei akuten Warnzeichen, länger anhaltenden Beschwerden oder vor bestimmten Eingriffen erforderlich sein. So sei das MRT (Anmerkung: Magnetresonanztomografie) unter anderem für die Beurteilung von Bandscheiben, Spinalkanal, Entzündungen und Tumoren geeignet. Gleichzeitig können MRT-Aufnahmen Veränderungen zeigen, die keine Beschwerden verursachen. Ein Bildbefund müsse deshalb immer mit den Beschwerden und den Untersuchungsergebnissen abgeglichen werden.
In der Regel beginne die Behandlung mit konservativen Maßnahmen. Dazu gehören Bewegung, Physiotherapie und medizinische Trainingstherapie. Medikamente können zeitlich begrenzt eingesetzt werden. Bei einem erhöhten Risiko für eine Chronifizierung kann eine multimodale Schmerztherapie sinnvoll sein.
Darüber hinaus stellte Hajiabadi interventionelle Verfahren vor. Dazu gehören gezielte Infiltrationen an den Facettengelenken und am Iliosakralgelenk sowie die periradikuläre Therapie. Bei der periradikulären Therapie wird ein Medikament gezielt an eine betroffene Nervenwurzel gebracht. Bei bestimmten Beschwerden kann eine Radiofrequenz-Denervation eingesetzt werden. Dabei werden schmerzleitende Nervenfasern gezielt behandelt.
Auch die Voraussetzungen für eine Operation erläutert er: "Eine dringliche Operation kann bei fortschreitenden Lähmungen, einem Cauda-equina-Syndrom oder bestimmten schweren Verletzungen, Infektionen und Tumorerkrankungen erforderlich sein" so der Experte.
Eine Operation könne auch bei anhaltenden radikulären Schmerzen oder einer relevanten Spinalkanalstenose infrage kommen, wenn eine konservative Behandlung nicht ausreichend wirksam. Je nach Ursache stünden mikrochirurgische, endoskopische und weitere minimalinvasive Verfahren zur Verfügung.
„Rückenschmerzen sind sehr häufig und in den meisten Fällen gutartig. Entscheidend ist deshalb, genau hinzuschauen: Woher kommen die Beschwerden, gibt es Hinweise auf eine ernsthafte Ursache? Welche Behandlung ist im individuellen Fall sinnvoll? Nicht jeder Rückenschmerz braucht eine Operation. Wichtig sind bei Beschwerden die klinische Untersuchung und die Frage, ob sich daraus eine klare Behandlungsindikation ergibt" fasst Hajiabadi zusammen.
Im Anschluss an die Vorträge nutzten die Besucherinnen und Besucher die Gelegenheit, den Experten zahlreiche individuelle Fragen zu stellen. Dabei ging es auch um konkrete Beschwerden und mögliche Behandlungswege.
Die nächste Veranstaltung des Gesundheitsforums Bergstraße findet am 27. Oktober 2026 um 18 Uhr im Heppenheimer Kurfürstensaal statt. Der Titel lautet „Frauen im Wandel – Wechseljahre, Hormone, Krebsrisiko und Früherkennung“. Der Eintritt ist frei. Die Plätze sind begrenzt.
Pressekontakt Kreiskrankenhaus Bergstraße
Cathrin Müller
Telefon: 0172-6900369
Email: cathrin.mueller@kkh-bergstrasse.de
Viernheimer Straße 2, 64646 Heppenheim