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Unterwegs mit einer grünen Dame

Aktuelles und Pressemitteilungen | 22.02.2019

Unterwegs mit einer Grünen Dame

Am Kreiskrankenhaus Bergstraße bringen Ehrenamtliche wie Ute Karger ein in der Gegenwart seltenes Gut ein: Zeit // Besuche am Krankenbett sind ihre Aufgabe, sie bringt Zeit zum Zuhören, Zeit zum Sprechen, Zeit für kleine Erledigungen mit

KREIS BERGSTRASSE | Februar 2019 | Ute Karger blickt in ihre Notizen. Namen, Zimmernummern finden sich auf dem Zettel. Sie geht weiter. Grüßt Pflegende, wechselt mit ihnen ein paar Worte. Vor dem Zimmer eines Patienten bleibt sie stehen, klopft, öffnet die Tür und geht mit freundlichem Lächeln und einem ebenso freundlichen „guten Tag“ einige wenige Schritte in das Zimmer, wartet kurz, ob sie willkommen ist. Zumeist ist sie es. Sie ist eine der Grünen Damen am Kreiskrankenhaus Bergstraße. Genauer: Sie ist es, die die Arbeit der Grünen Damen an der Kreisklinik in Heppenheim koordiniert. Und sie ist selbst im Haus unterwegs, macht Patientenbesuche, spricht mit Erkrankten und Genesenden, macht für sie kleinere Besorgungen im Haus, holt eine Zeitung am Kiosk. Früher hat sie ein Standesamt geleitet. Inzwischen ist sie im Ruhestand, hat für sich in dem Ehrenamt eine erfüllende Aufgabe gefunden. Sie ist für andere da. Die Grünen Damen, ihre lindgrünen Kittel sind Pate der Namensgebung, sind von Anbeginn des Kreiskrankenhauses mit dabei. Ehrenamtlich. Aktuell sind es zwölf Frauen. Natürlich können sich ihnen auch Männer anschließen, doch über die Zeit hinweg sind die Damen weitgehend unter sich geblieben. Ute Karger hofft, dass sich das einmal ändert. Wie das so ist, als Grüne Dame, als Grüner Herr? „Kommen Sie doch einfach mal mit, als Hospitant“, lautete ihre Einladung. Also gehen wir an einem Morgen gemeinsam los. Pflegekräfte und Krankenhausseelsorgende lassen Ute Karger und die anderen Grünen Damen wissen, wer besucht werden soll oder könnte. Natürlich tauschen sich die Frauen auch untereinander aus. Und manchmal bitten Patienten selbst um einen Besuch.

Mehr als den kleinen Zettel mit Name und Zimmernummer braucht Ute Karger nicht, braucht keine der Grünen Damen. Was sie mitbringen, ist Einfühlungsvermögen, Zeit zum Sprechen. Zeit zum Zuhören. Nicht immer sind die Patienten ansprechbar. Die Dame, die zuerst besucht werden soll, schläft. Ute Karger grüßt sie mit leisen Worten, zieht ihr die Bettdecke zurecht, geht wieder. Ein andermal wird sie oder eine andere der Damen wieder nach der Patientin schauen, vielleicht ergibt sich dann ein Gespräch. Es geht weiter. Ein anderes Zimmer, eine andere Station. Wieder klopft Ute Karger an eine Tür, wieder betritt sie langsam den Raum. Der Patient hier ist wach, sitzt im Bett. „Wie geht es ihnen?“, fragt Ute Karger. „Ganz gut“, sagt der Mann. Dann erzählt er seine Krankheitsgeschichte, keine Kleinigkeit, eine ernste Krankheit mit langem Klinikaufenthalt. Die Ärzte am Kreiskrankenhaus haben ihm geholfen. Doch noch muss er im Zimmer bleiben, darf nicht raus, der Körper ist zu schwach, das Immunsystem anfällig. „Es ist schon ein bisschen rammdösig mit der Zeit“, sagt der Mann mit Blick auf die eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Doch er ist froh, dass es ihm inzwischen deutlich besser geht. Ute Karger hat Verständnis, spricht mit dem Patienten über Krankheiten, über seine Erkrankung. Und er sagt: „Es ist schön, wenn einfach mal jemand nach einem guckt.“ natürlich, sagt Ute Karger, Ärzte, Pflegekräfte sind auch da. Sie versorgen den Patienten, zum längeren Plaudern fehlt ihnen verständlicherweise die Zeit.

Einmal in der Woche ist Ute Karger als Grüne Dame unterwegs, je zwei bis drei Stunden. An diesem Vormittag hebt sie irgendwo auf einem Gang kurz den Arm, streckt das Handgelenk nach oben, zeigt ihre Uhr mit Schrittzähler. „Da kommt schon was zusammen an Kilometern“, kommentiert sie und schiebt Zahlen hinterher, zwei- bis zweieinhalbtausend Schritte, sechs Kilometer je Dienst. Und schon geht es weiter zu einer anderen Tür. „Guten Morgen, ich grüße sie“, wieder geht sie in ein Zimmer. Sie spricht mit dem Patienten über Schmerzen, hier ein Bandscheibenvorfall, die Entlassung aus dem Krankenhaus. Später, bei einem anderen wird sie vor allem zuhören, zwischenrein schenkt sie dem Mann Wasser in ein Glas, sodass er trinken kann. Um einem Missverständnis vorzubeugen klärt sie auf: „Ich bin kein Arzt. Ich bin eine von den Grünen Damen.“ Ein „Ah“ mit Ausrufezeichen kommt zurück, der Mann freut sich über den Besuch. Die Grünen Damen sind ihm ein Begriff. Er ist unheilbar krank, wie er erzählt. Im günstigsten Fall lasse sich die Krankheit aufhalten, vielleicht aber auch nur der Verlauf verlangsamen. Es gibt viele Fragezeichen. Es ist offensichtlich, dass es ihm guttut, über sich sprechen zu können. Über seine Krankheit, seine Sorgen, sein Alleinsein, darüber, dass es Momente gab, in denen der Lebensmut fern war. „Ich komme wieder“, verspricht Ute Karger, als sie merkt, dass der Patient Ruhe braucht, um Kraft zu tanken. „Ich hoffe das, antwortet der Mann und fügt an: „Jeder der kommt ist wirklich willkommen.“

Als Grüne Dame erfährt Ute Karger viel Privates. Schwieriges kann sie gewöhnlich abstreifen, wenn sie den grünen Kittel auszieht. Und wenn nicht? Untereinander tauschen sich die Ehrenamtlichen aus, sprechen auch mit den Klinikseelsorgenden. Aus diesen Kreisen aber dringt nichts nach außen. Die Grünen Damen haben selbstverständlich eine Verschwiegenheitspflicht, Vertraulichkeit ist oberstes Gebot, ebenso wie Empathie. Das Unterwegssein und Dasein der Grünen Damen finden allerorten Wertschätzung. Eine der Stationsleiterinnen am Kreiskrankenhaus spricht davon, dass der Dienst „sehr wichtig“ ist. Natürlich für die Patienten, aber auch Ärzten und Pflegenden tut es gut zu wissen, dass hier jemand an Stellen Zeit einbringt, wo es ihre eigenen Arbeitsabläufe nicht zulassen. Und sie wissen auch, dass die Erkrankten über manches mit den Grünen Damen sprechen, worüber sie mit ihnen nicht reden würden.

Zusatz

Unterstützung ist in den Reihen der Grünen Damen am Kreiskrankenhaus Bergstraße in Heppenheim immer willkommen. Frauen wie Männer sind gefragt. Interessierten wird die Möglichkeit geboten, an der Seite einer Grünen Dame zu hospitieren und so einen Einblick in die Aufgabe zu bekommen. Dann wird im Gespräch und damit im gegenseitigen Austausch entschieden, ob ein dauerhafter Einsatz sinnvoll und gut ist. Ihre Wurzeln haben die Grünen Damen in Amerika. Vor bald fünfzig Jahren hat Brigitte Schröder, Frau des früheren CDU-Bundesministers Gerhard Schröder, die Initiative nach Deutschland gebracht. Seitdem hat sich die Idee hierzulande mehr und mehr ausgebreitet. Wer sich der Gruppe am Kreiskrankenhaus Bergstraße anschließen und Zeit für Patienten einbringen möchte, kann sich telefonisch bei den Seelsorgenden des Krankenhauses melden: Telefon: 06252-7010 (Zentrale)

DAS KREISKRANKENHAUS IM INTERNET

www.kkh-bergstrasse.de

UTE KARGER. Foto: Kreiskrankenhaus Bergstraße/Thomas J. Zelinger